Baldegger Schwestern Klosterherberge Stella Matutina Hertenstein

 

Unsere Augen sehen oft ohne dass wir genau hinschauen. Schauen ist ein Ausdruck, der waches und ganzheitliches Aufnehmen ausdrückt. Beim «Schauen» des Baumes vor meinem Bürofenster und der sich darin tummelnden Vögel – vermutlich eine kleine Schar Grünfinken - kam mir heute der folgende Text in den Sinn:

 

Wenn ein Vogel auf der Spitze des äußersten Baumzweiges sitzt,

so erlebt er nur die Bewegungen des Zweiges.

Rückt er tiefer hinein auf den Ast,

so umfasst er die Bewegungen von hundert Zweigen

und schwankt doch nur wenig.

Wählt er aber seinen Platz im Kroneninnern hart am Stamm,

so erlebt er die Bewegungen des ganzen Baumes

und wird selbst nicht mehr erschüttert.

Noch mehr wie diesem Vogel geschieht einem Menschen,

der bis in die Tiefe seiner Seele sinkt.

Denn dort erlebt er alles Leben, das ganze Weltall,

den ganzen Gott mit all seinen Geheimnissen,

weil dieser unser Grund auch der Grund Gottes ist.

Hermann Stehr (16.2.1864 - 11.9.1940)